Meine Zeit in Ghana

julia 10

(Julia Kraft, Sozialarbeiterin, November 2010 -  April 2011)

Wenn mich meine Freunde, Familie und Bekannten heute nach meinen fünf  Monaten in Ghana fragen, wie meine Zeit dort war, dann antworte ich meistens mit Sätzen wie:

„Es war das Härteste und Herausforderndste was ich bis jetzt in meinem Leben gemacht habe, aber ich bin so froh, dass ich es durchgezogen habe. Die gewonnenen Erfahrungen kann mir niemand mehr nehmen und diese sind so unglaublich prägend und bereichernd.“

Ich flog im November 2010 gemeinsam mit einer Freundin (Barbara) für fünf  Monate nach Ghana. Wir schlossen beide ca. einen Monat vor Abreise unser Studium der Sozialen Arbeit ab und wollten vor unserem Eintritt ins Berufsleben etwas ganz anderes sehen, erleben und dort sozialarbeiterisch tätig werden, wo die Not am größten scheint, –  in einem Dritte Welt Land.

Nach einigen Vortreffen mit Anna Zaaki und ihrer Familie in Deutschland ging unsere fünf monatige Reise los. Die ersten 10 Tage verbrachten wir in Tuba in dem Waisenhaus des Vereins. Anna Zaaki reiste am gleichen Tag wie wir nach Ghana und hat uns dort in den ersten Tagen viel erklärt und gezeigt. Das war für den Einstieg und das Kennenlernen der neuen Kultur sehr hilfreich und bereichernd.

In den ersten Tagen ging es mir gesundheitlich nicht so gut. Ich hatte mich für  Malarone zur Malariaprophylaxe entschieden. Dieses Medikament sollte man aber nicht auf leeren oder fast leeren Magen einnehmen, was für mich schwierig war, da ich auf Grund der Aufregung, Umstellung, usw. in den ersten Tagen kaum einen Bissen hinunter bekam. Zudem kamen wir aus winterlichen Novembertemperaturen in das ca. 37 Grad heiße Ghana und ich hatte demzufolge große Kreislauf- und Magenprobleme. Das Heimweh war in den ersten Tagen schon auch sehr groß und Gedanken wie: „Oh mein Gott, was mache ich hier eigentlich?“, waren nicht selten. Das ganze legte sich mit der Zeit und ich hatte dann auch keine Probleme mehr mit der Verträglichkeit von Malarone. Ich kann es jedem weiterempfehlen, da man durch Malarone einen ca. 90 %igen Schutz gegen Malaria bekommt und die Malaria Stechmücke auch in Nima sehr gut vertreten ist.

Barbara und ich wurden für das Stipendien-Programm „Junior-Programm“ in Nima eingesetzt. Während unserer Zeit in Tuba wurde uns bereits unser ghanaischer Mitarbeiter Garba vorgestellt, mit dem wir zukünftig in Nima zusammenarbeiten sollten. Außerdem wurden Grobplanungen gemacht und Zielvereinbarungen festgelegt. An einem anderen Tag fuhren  wir mit Anna Zaaki und Garba nach Nima, um schon mal vorab zu sehen, was uns dort erwartet. Nima ist ein Armenviertel. Es ist ein Stadtteil der Hauptstadt Accra und hat ca. 250 000 Einwohner. Was uns in Nima als erstes auffiel:

1. Hier ist es sehr laut und extrem viele Menschen quetschen sich durch die Straßen.

2. Der  Gestank. Dieser kommt durch das Zusammenspiel von Müll mit dem Geruch von Gewürzen, die auf den Straßen verkauft werden und der offengelegten Kanalisation. Dadurch, dass es keine richtige Müllverarbeitung gibt, wird der Müll auf der Straße verbrannt und zwar wirklich  ALLES !!!

3. Die Einwohner von Nima  haben scheinbar noch nicht so oft weiße Menschen gesehen. Ich kam mir vor wie ein Pop-Star oder wie die Queen. Alle Kinder wollten uns anfassen oder zumindest, dass ihnen von uns zugelacht oder zu gewunken wurde. Es war ein merkwürdiges Gefühl, - ich habe mich zu Beginn irgendwie geschämt. Die Menschen freuten sich so sehr, wenn sie uns nur sahen, obwohl wir doch gar nichts Besonderes getan hatten. Allein unsere weiße Hautfarbe bewirkte, dass die Einheimischen uns mit großem Respekt entgegenkamen und uns mochten.

Nach fast zwei Wochen in Tuba begann unsere Arbeit im Junior Programm und unser Aufenthalt in Nima.

Wir lebten in einer Wohnung mitten drinnen im Geschehen. Wir teilten uns gemeinsam mit Einheimischen einen Hof. Die Menschen waren unglaublich freundlich und zuvorkommend. Wir fühlten uns sofort angenommen und willkommen und wurden für sie sehr schnell zu „Sister Juliett“ und „Sister Barbara“. Die Einheimischen konnten es aber bis zum Schluss unseres Aufenthaltes nicht verstehen, dass wir freiwillig in ihr Land gekommen sind, um zu helfen. Das war für sie wie ein Rätsel. Mehrmals wurde uns angeboten, dass sie unsere Wäsche waschen, für uns kochen, usw., - und das Ablehnen unsererseits, war für sie unbegreiflich. Wenn wir krank waren, besuchten sie uns regelmäßig und da die Menschen in Nima sehr gläubig sind (die meisten Menschen gehören dem islamischen Glauben an), schlossen sie uns in ihre Gebete ein. Generell fühlten wir uns in Nima immer sicher. Wir bekamen zu Ohren, dass Nima wohl auch gefährlich sein kann, aber davon bekamen wir nichts mit. Das lag mit Sicherheit auch daran, dass jeder wusste, dass wir von Lion Zaaki „gesandt“ wurden und Lion Zaaki (Gründungs- und Vorstandsmitglied von Nima e.V.) wird dort gefeiert wie ein Held. Wenn einer uns etwas angetan hätte, dann wäre da wirklich etwas los gewesen. Alleine schon die vielen Familienmitglieder von Lion Zaaki die dort leben, seine Freunde, Bekannten und vor allem auch Garba, hatten immer ein Auge auf uns. Garba wusste fast immer wo wir uns aufhielten (ohne dass wir es ihm erzählt hatten), da er von sämtlichen Leuten aus dem Ort Anrufe bekam, wenn sie uns mal ohne ihn gesehen hatten. Also wir brauchten wirklich keine Angst zu haben uns in Nima aufzuhalten. Natürlich wollten viele Ghanaer Kontakt zu uns Weißen haben und das auch oft sehr forsch. Frauen wollten mit uns befreundet sein und die Männer wollten uns heiraten, - nicht selten wurde man am Arm festgehalten und leider zwangen sie uns dann manchmal dazu, nach mehrmaligem freundlichen Verneinen, auch mal lauter und unfreundlich zu reagieren. Nicht selten bekam ich dann Sprüche zu hören wie: „Oh, so you don’t like ghananien people“. Dann sollte man dann einfach die Ohren auf Durchzug stellen und weitergehen.

Ich musste mich erst an die ghanaische Mentalität gewöhnen und dafür offen sein, um nicht zu vorschnell zu urteilen. Mimik, Gestik und Tonwahl sind so anders als bei den Menschen aus Europa. Wenn ich z.B. dachte: „Oh, der ist aber unfreundlich und mag uns nicht“, war es in Wirklichkeit nur Schüchternheit. Ein weiteres sehr markantes Bespiel: Wenn die Einheimischen und vor allem die Kinder einen grüßen oder ansprechen, dann verstellen sie dabei ihre Stimme. Sie sprechen dann in einer ganz hohen und piepsigen Tonlage. Am Anfang fühlten wir uns immer „auf dem Arm genommen“  und dachten, sie würden sich über uns lustig machen. In Wirklichkeit wollten sie aber ganz besonders freundlich klingen und dachten, eine hohe Stimme symbolisiere Freundlichkeit. Von allen Ecken wurden wir „Obruni“ (in Nima) oder „Blofonno“ (in Tuba) gerufen, - das bedeutet: der/die Weiße, - auch das ist gastfreundlich gemeint.

Im Folgenden beschreibe ich kurz, welchen Aufgaben wir uns im Junior-Programm gestellt haben.

 Das Junior- Programm und unsere Aufgaben vor Ort:

Das Projekt läuft nun schon seit ca. 3-4 Jahren. Garba und ein weiterer ghanaischer Arbeitskollege, der leider während unseres Aufenthaltes in Ghana verstorben ist, haben das Junior-Programm zusammen mit dem Vorstand in Deutschland ins Leben gerufen. Barbara und ich waren die ersten deutschen Freiwilligen, die vor Ort für dieses Projekt arbeiteten.  Garba hatte seine Arbeit in der Vergangenheit gut gemeistert, jedoch war der Informationsaustausch zwischen ihm und dem Vorstand in Deutschland nicht immer einfach.

 Barbara und ich kamen nach Nima mit folgenden Hauptaufgaben:

Struktur und Regelungen in das Junior Projekt hineinbringen. Unseren ghanaischen Mitarbeiter u.a. anzulernen, wie man mit dem PC umgeht. Den Kommunikationsaustausch zwischen dem Projekt in Ghana und dem Verein in Deutschland verbessern.

Den Kindern, Jugendlichen und Familien, die von Nima e.V. unterstützt werden erklären, woher das Geld stammt, mit dem sie unterstützt werden und

generell über den Verein in Deutschland informieren, – was er alles leistet und wie wichtig es ist, dass die Projektteilnehmer ihre Chance nutzen und sie mit Ernsthaftigkeit und Motivation angehen.

 Begonnen haben wir damit, dass wir eine Liste erstellten mit den Namen aller Kinder, die am Junior Projekt teilnehmen, ihren Geburtsdaten und  den Namen der von ihnen besuchten Schule.  Zurzeit werden 43 Kinder und Jugendliche aus Nima  mit dem Junior Programm von Nima e.V. unterstützt. Wir besuchten vor Ort jedes Kind in seiner Schule. Wir sprachen mit den jeweiligen Lehrern und Direktoren der Schulen, stellten uns und den Verein Nima e.V. ihnen vor und erklärten ihnen, dass das jeweilige Kind von Nima e.V. gesponsert werde. Das war nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass die Kinder in ganz Accra verteilt sind und dort auch auf unterschiedliche Schulen gehen. Zunächst verschriftlichten wir mit Garba zusammen das Schulsystem von Ghana, da dieses recht kompliziert und recht verwirrend ist. Alle drei Monate (das ist ein Term) müssen Schulgebühren bezahlt werden, die nicht an jeder Schule gleich sind und die sich leider auch noch von Term zu Term ändern. Deshalb konnten wir uns nicht darauf verlassen, dass die Schulkosten konstant bleiben und mussten immer hinterher sein, dass uns die Kinder und Lehrer rechtzeitig die neuen Kosten nannten, um neu kalkulieren zu können. Das war sehr wichtig, damit uns der Verein in Deutschland zeitnah die entsprechenden Gelder zuschicken konnte. Aber nicht nur Geld für die Schulgebühren musste rechtzeitig zur Verfügung stehen, sondern auch Geld für Schulbücher, Schuluniformen, Prüfungsgebühren, Nachhilfeunterricht, usw.…

Zudem legten wir für jedes Kind eine eigene Akte mit Aufnahmeformular, Foto, Geburtsurkunde, Zeugnissen, Quittungen, usw. an. Für die Kinder der Mittelstufe konnten wir einen Nachhilfeunterricht organisieren und kontrollierten dort  regelmäßig die Anwesenheit der Kinder durch Spontanbesuche. Wenn Kinder und Jugendliche nicht regelmäßig zum Nachhilfeunterricht oder zur Schule gingen, besuchten wir die Familien zu Hause, um nach dem Rechten zu sehen und nach den Gründen des Fernbleibens zu fragen. Auch eine Art „Verwarnungssystem“ führten wir ein und während unseres Aufenthaltes mussten wir nach Absprache mit dem Vorstand in Deutschland, einen Jugendlichen aus dem Junior-Programm herausnehmen, da es zu mehreren „Verstößen“, keiner Einsicht und keinerlei Motivationsbereitschaft seitens des Jugendlichen kam. Im Gegenzug wurde ein Jugendlicher neu in das Programm aufgenommen, der mit einem hohen Grad an Selbstdisziplin und harter Arbeit seinen Traum, Medizin studieren zu können, verfolgt.

Eine weitere Aufgabe für uns war es, die Arbeit so zu strukturieren, dass weitere Freiwillige in unsere „Fußstapfen“ treten können. Wir verfassten einen Leitfaden für das Junior-Programm und erstellten eine to-do-Liste für die Aufgaben, die regelmäßig erledigt werden müssen und eine to-do-Liste für zukünftige Aufgaben, welche wir bei einem längeren Aufenthalt noch angegangen wären.

 Das war nur ein kleiner Einblick in unsere getane Arbeit im Junior-Programm in Nima. Es war unglaublich abwechslungsreich. Jeden Tag ergaben sich neue und spannende Herausforderungen und Aufgaben.

Gegen Ende unseres Aufenthaltes gingen wir noch 10 Tage auf Reisen und sind am Ende an einem traumhaft schönen Ort (Cape 3 Points) angekommen, …es war wirklich wie im Paradies. Dort konnten wir uns von dem oft auch stressigen und lauten Alltag in Nima gut erholen und bereiteten uns mental auf den Abschied von Ghana vor.

Dieser war mit großem Abschiedsschmerz verbunden und noch heute, mehr als 3 Monate später, habe ich ein ganz großes Fernweh nach Ghana. Ich vermisse die Kinder aus unserem Hof und vom Waisenhaus, unseren Arbeitskollegen Garba und die vielen anderen tollen Menschen, die uns mit solch einer unglaublichen Wärme und Freundlichkeit in ihrem Land aufgenommen und viel gelehrt haben.

Eines ist aber für Barbara und mich zu 100 % sicher:

Das war  kein  Abschied für immer  !!!

julia 1

 

 

Zum Seitenanfang