Fünf Monate Arbeit im Junior Programm

barbara foto

(Barbara Lentz, Sozialarbeiterin, November 2010 -  April 2011)

 

Es fällt sehr schwer die fünf Monate Arbeit im Junior Programm zusammenfassend zu beschreiben, da diese Zeit mit so vielen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken begleitet ist. Als erste deutschen Freiwilligen im Junior Programm war die Arbeit für Julia und mich eine Herausforderung. Nach unserem Studium der Sozialen Arbeit konnten wir zwar viel theoretisches Wissen mitbringen, doch die Frage die sich uns stellte war, ob wir dies auch in einem Land wie Ghana anwenden können. Der Anfang unserer Arbeit bestand eigentlich erstmal darin, sich einen Überblick über das gesamte Junior Programm zu machen. Da Garba, unser ghanaischer Mitarbeiter, weder mit einem Computer arbeitet  oder eine Aktenführung betreibt, wie wir sie aus unserem gut strukturierten Deutschland kannten, wühlten wir uns anfangs durch sämtliche Papiere und Akten der Kindern und versuchten gemeinsam mit Garba Ordnung in das Chaos zu bringen. Wir legten für jedes Kind des Junior Programms eigene Akten an, erstellten Listen von den Kindern und den zu besuchenden Schulen sowie Listen der anfallenden Kosten, die vom Junior Programm übernommen werden. Was uns wirklich schockierte waren die enormen Summen der Schulgebühren, die jedes Kind drei Mal jährlich bezahlen muss. Dazu kommen noch Kosten für Schuluniformen oder Prüfungsgebühren. Die meisten Familien in Ghana haben zwischen 3-6 Kinder. Es wundert also nicht wenn nur die Hälfte der Kinder eine Schule besuchen kann, da das Einkommen der Eltern meist sehr gering ist. Auch müssen viele Kinder, trotz eines langen und anstrengenden Schultages danach mit dem Verkauf von beispielsweise Früchten, Geld dazuverdienen. Nur so können viele Familien die Kosten für einen Schulbesuch auftreiben. Anstrengend wurde es für uns wenn wir uns in der Hitze auf den Weg machten, um die Gebühren in den Schulen zu bezahlen. Wir mussten weite Strecken laufen oder mit dem Trotros (öffentliche Busse) fahren um in die Schulen zu gelangen, die teilweise weit voneinander entfernt lagen. In allen Schulen wurden wir lauthals von den Schülern begrüßt, die es nicht gewohnt waren „weiße Menschen“ zu sehen. Alle wollten uns sehen und anfassen. Den Lehrern missfiel die Unruhe natürlich und leider behalfen sich manche mit dem Stock um wieder Ruhe in das Chaos zu bringen. Man muss dazu sagen, dass viele Lehrer wirklich überfordert mit ihren Klassen sind, da diese nicht selten 50 und mehr Kindern in einem winzigen Klassenraum unterrichten. Trotzdem kann man das Schlagen mit dem Stock  nicht rechtfertigen, was aber leider immer noch zu den gängigen Erziehungsmethoden in den Schulen gehört. Bemerkten wir bei den Schulbesuchen, dass Schüler unseres Programms fehlten oder uns die Lehrer andere Probleme mitteilten, suchten wir die Schülern zu Hause auf, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Oftmals bedarf es nur einer kleinen Hilfe um Probleme zu lösen. Eine unserer Schülerinnen hatte beispielsweise einen äußerst juckenden und brennenden Hautausschlag, ausgelöst durch Würmer, die wegen mangelnder Hygiene in Ghana leider vielen Menschen zu schaffen machen. Das Mädchen fand durch den ständigen Juckreiz keine Nachtruhe und saß tagsüber müde und unkonzentriert im Unterricht. Wir kauften ihr daraufhin ein Medikament, welches sich die Familie nicht leisten konnte, worauf der Juckreiz innerhalb kürzester Zeit nachließ und das Mädchen wieder problemlos dem Unterricht folgen konnte. An diesem Beispiel sieht man, dass manchmal nur ein geringer Aufwand nötig ist um schnell und effektiv helfen zu können. Gerade bei den Hausbesuchen konnten wir hautnah miterleben wie die Kinder und Jugendlichen wohnten und mit welchen Problematiken die Familien zu kämpfen hatten. Es ist schwer nachzuvollziehen wie Kinder in einem so beengten Wohnraum überhaupt Hausaufgaben erledigen oder für die Schule lernen können. Man muss sich vorstellen, dass einer Familie mit mehreren Kindern oftmals nur ein Wohn- und Schlafraum zur Verfügung steht. Die meisten besitzen fast kein Mobiliar, geschlafen wir oft auf dem nackten Boden. Diese Erlebnisse waren sehr nachhaltig und begleiten uns bis heute. Es ist erstaunlich, dass die Menschen in Ghana, die soviel härteren Lebensumständen ausgesetzt sind trotz allem von Lebensfreude und Fröhlichkeit sprühen. Fünf Monate wohnten wir Tür an Tür mit den Einheimischen, hatten sozusagen den gleichen Lebensstandard und konnten so das afrikanische Leben hundertprozentig erleben und mitleben. Dazu gehörte auch beispielsweise die Wäsche mit der Hand zu waschen oder mit dem Eimer zu duschen. Man gewöhnt sich recht schnell an die Gegebenheiten und beginnt den „Luxus“ den wir aus Deutschland kennen, generell in Frage zu stellen. Anfangs waren wir uns noch recht unsicher, ob wir als „Weiße“  überhaupt akzeptiert werden. Doch die Menschen hatten keinerlei Berührungsängste. Täglich besuchten uns Nachbarn, die uns in allen Belangen immer ihre Hilfe anboten. Unsere häufigsten Besucher waren jedoch die Kinder aus der Nachbarschaft, die täglich zum Spielen bei uns vorbei kamen und die wir schnell in unser Herz schlossen. Umso schwerer viel der Abschied. Es fiel uns vor allem sehr schwer unseren Mitarbeiter Garba, der mittlerweile zu einem guten Freund geworden war, Lebe wohl zu sagen. Aber auch die vielen anderen  Menschen zu verabschieden, die wir während unseres Aufenthalts kennen lernten, fiel uns nicht leicht. Letztendlich sind die fünf Monate wie im Flug vergangen und mir kam die Zeit viel zu kurz vor. Die Erlebnisse und Erfahrungen begleiten mich bis heute und ich werde diese prägende Zeit niemals vergessen.

Go to top