Erinnerungen an Ghana

(Barbara Luchner Juli 2010 - November 2010)

barbara

An meinen ersten Tag in Ghana kann ich mich nur mit Bildern erinnern, die sich im Nachhinein sehr verändert haben. Bilder von den Menschen, von der Kultur und der Landschaft auf dem Weg vom Flughafen in Accra nach Tuba und vor allem von den Kindern im Waisenhaus.
An meinem zweiten Tag dachte ich: „Ein halbes Jahr? Das halte ich nie aus.“
Und plötzlich war eine Woche rum, dann ein Monat und schließlich das knappe halbe Jahr, das ich in Tuba verbrachte.

Zu Beginn meiner Zeit wurde ich unglaublich toll in Tuba aufgenommen und obwohl ich mich an vieles erst gewöhnen musste und vor allem sehr viel mehr Schlaf brauchte, als in den folgenden Monaten, fühlte ich mich sehr schnell sehr wohl. Das lag zum einen daran, dass mich eine andere deutsche Freiwillige erwartete und einarbeitete, aber vor allem auch an unserem Betreuer Muda und den beiden ghanaischen Mitarbeiterinnen Hickma und Stella, die bei meiner Ankunft um mich herum hüpften und lachten und ich kein Wort ihres Englisch verstand. Mir wurde erst im Nachhinein bewusst, dass die Ankunft und Aufnahme der vielleicht wichtigste Teil eines solchen Auslandsaufenthalts sind.

Als sogenannte „Helping Hand“ war es eigentlich meine Aufgabe, vormittags in der Crèche oder der Schule auszuhelfen und nachmittags unsere Kinder im Waisenhaus bei Hausaufgaben oder Spielen zu betreuen.
Meine erste Zeit half ich allerdings auch vormittags im Waisenhaus aus, was neben dem Wecken der Kinder und dem Teekochen auch das Putzen des gesamten Hauses beinhaltete, sobald die Kinder in der Schule oder Crèche waren.

Als Niva nach eineinhalb Monaten als weitere „Helping Hand“ zu mir stieß, begannen wir auch mit der Arbeit in der Crèche – wobei das Arbeiten nach unseren Vorstellungen erst nach 2-3 Wochen einigermaßen funktionierte. Die ersten Tage besuchten wir die Kinder dort eher, als dass wir mit ihnen in irgendeiner Art Unterricht machen konnten. Denn sobald wir die Crèche betraten waren wir von Kindern umringt, die uns entweder lachend „Blafonjo“  zuriefen oder uns anfassen wollten – oder beides.
Gerade in der Crèche merkten wir immer wieder, wo die Grenze zwischen den beiden Kulturen verläuft und waren mehr als einmal frustriert, wenn wir uns auf den Rückweg zum Waisenhaus machten.

Wir hatten während den Monaten mit Problemen und Frustrationen jeglicher Art zu tun. Manche basierend auf kulturellen Missverständnissen, andere waren einfachere Dinge wie Stromausfall oder eine kaputte Wasserpumpe, kranke Kinder und trotzige Kinder, Schularbeiten…und trotzdem fühlte ich mich in Ghana nie unglücklich oder unwohl.

Allein Fragen von neuen Freiwilligen, wie die, ob wir nicht erst beim Arzt anrufen müssten, bevor wir hinfahren, macht stressige und angespannte Situationen mit beispielsweise zwei Malaria kranken Kindern zu einer fast schönen Erinnerung.

Zu den schönen Erinnerungen zählen vor allem auch die Stunden mit den Kindern, in denen ich mich ihnen voll und ganz hingeben konnte. Entweder weil ich frei hatte oder keine Schularbeiten anstanden.
Nach den ersten Wochen bekam ich fast schon regelmäßigen Fußballunterricht von Shamsu und Mustabshir. Es entstand die ‚Tradition‘ abends noch für eine kurze Zeit mit den Mädchen in ihrem Zimmer zu quatschen, bis das Licht ausgemacht wurde. Aber auch die Geschichten, die Stella abends im Stuhlkreis erzählte, und die Atmosphäre, die dabei entstand, wenn 18 Kinder so nah wie möglich rückten, um nichts zu verpassen, werde ich nie vergessen.
Ebenso die Begeisterung und Ausdauer der Jungs beim Falten von Papierbötchen, die wir auf eine Papierlandschaft an die Wand klebten.

Allgemein spielte das Wort „Bewusstsein“ nach meiner Rückkehr aus Ghana eine große Rolle.
Das Bewusstsein dafür, ein eigenes Leben zu haben und dieses zu leben, ist wohl das hauptsächliche Endprodukt von allen Erfahrungen und Vorgängen des Bewusstwerdens, die ich in Ghana durch- und erlebt habe. Dazu gehört beispielsweise die simple Tatsache, dass es sich sehr gut ohne jeglichen Luxus leben lässt, zum anderen aber auch die Liebe und Anerkennung, die man von Kindern bekommt.

Ich habe die Arbeit im Waisenhaus zunächst als eine Herausforderung gesehen, die schließlich zu einer Aufgabe wurde und dann dazu führte, dass ich innerlich sehr gewachsen bin und mir ein Lebensgefühl und eine Lebensmotivation angeeignet habe, die für dort selbstverständlich erscheint. Die Menschen wirken, verglichen mit den Umständen, gelassener und glücklicher als bei uns. Sie leben in den Tag, nehmen alles was kommt und sind dafür dankbar. Manche denken vielleicht nicht mal über das Dorf hinaus, in dem sie leben und trotzdem haben sie eine unglaubliche Lebenserfahrung.
In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr habe ich mich in meiner eigenen Stadt als Fremde gefühlt und dadurch auch die eigene Kultur mit anderen Augen gesehen.

Für mich war das halbe Jahr in Ghana eine der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens, die sehr viel dazu beigetragen hat, dass ich jetzt das mache und bin, was und wer ich sein möchte. Die Menschen im und um das Waisenhaus sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich habe fast Heimweh nach Tuba, wenn ich heute mit ihnen telefoniere oder Fotos anschaue – mehr als ich jemals nach Deutschland hatte.

 

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